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Von uA38,

Als 16-Jähriger in den Himmel gelobt, dann von seinem Traumklub verpflichtet. Für den Türken ging es lange nur bergauf - nach einem ersten Knick ist er nun zurück.

Irgendwie war es kurios. Da erzielte Enes Ünal innerhalb von drei Jahren 250 Tore für die Nachwuchsmannschaften von Bursaspor, 2,77 Treffer im Schnitt pro Spiel. Dem Trainer der ersten Mannschaft des türkischen Erstligisten, Hikmet Karaman, war der seinerzeit 15-jährige Super-Stürmer aber nicht im Entferntesten ein Begriff. Er kannte ihn schlichtweg nicht.

"Dafür habe ich mich geschämt. 'Was bist du nur für ein Trainer', habe ich mir gesagt", gab Karaman später zu - und ergänzte: "Wir müssen endlich umdenken und diesen Jungs eine Chance geben, wenn sie körperlich schon so weit sein sollten." Er selbst tat das nicht mehr. Zumindest nicht in der Süper Lig. Erst sein Nachfolger Christoph Daum verhalf Ünal schließlich zum Liga-Debüt für Bursaspors Profis.

Das Wörtchen "erst" ist dabei eigentlich unangebracht. Denn als Ünal am 25. August 2013 erstmals in der Süper Lig auflief, war er gerade einmal 16 Jahre und drei Monate alt. Das Tüpfelchen auf dem i: An jenem Tag gelang dem Youngster auch gleich sein erstes Tor in der türkischen Beletage, gegen Spitzenklub Galatasaray traf er als Joker zum 1:1-Ausgleich. Jünger war bei seinem Premieren-Treffer in der Süper Lig noch niemand.

Gejagt wurde Ünal indes schon viel früher. "Chelsea hat ein Angebot für Enes gemacht", bestätigte Bursaspors Nachwuchs-Boss Necmettin Kocaman Monate vor dem spektakulären Debüt seines Goldjungen. Zwei Millionen Euro sollen die Blues damals für den Teenager geboten, unter anderem Konkurrenz von Manchester United, Manchester City, Arsenal, Juventus, Inter Mailand und Borussia Mönchengladbach gehabt haben.

Skepsis trotz Mega-Potenzial

Ünal, Sohn eines ehemaligen Fußball-Profis, widerstand den Verlockungen. Zwei Jahre verbrachte der Angreifer, zu dessen Stärken ein ganz besonders starker erster Kontakt sowie ein enorm kaltschnäuziger Abschluss zählen, noch bei seinem Heimatklub, entwickelte sich im gewohnten Umfeld weiter.

Seine Bilanz in jener Zeit war okay, vor allem in Anbetracht seines Alters. Allerdings keineswegs überragend. Sieben Tore in 54 Pflichtspielen gelangen ihm in den Spielzeiten 2013/14 und 2014/15 übergreifend. Das große Interesse zahlreicher Top-Adressen nahm jedenfalls nicht ab - und im Sommer 2015, gerade das 18. Lebensjahr vollendet, wagte Ünal schließlich den nächsten Schritt.

Für drei Millionen Euro verpflichtete ManCity den heute zweifachen türkischen A-Nationalspieler. Nicht, ohne damit Skeptiker auf den Plan zu rufen. "Enes ist ein talentierter Spieler, der weit über seinen Altersgenossen steht, aber er muss sich noch gewaltig steigern, sonst wird es sehr schwer für ihn", prognostizierte etwa Senol Günes, früherer türkischer Nationaltrainer und in der Saison 2014/15 Ünals Coach bei Bursaspor. Und Ertugrul Saglam, Günes' Nachfolger in Bursa, sagte: "Bei Manchester City gibt es eine andere Erwartungshaltung als bei Bursaspor. Hier hat es ihn erschöpft."

Große Probleme in Genk

Über Ünals Potenzial hegt und hegte niemand Zweifel. Ob der Sprung zu einem europäischen Top-Klub aber doch zu früh kam, darüber grübelte so mancher. Auch bei City dachte man offenbar ähnlich, bis heute hat der junge Türke kein einziges Pflichtspiel für die Engländer absolviert. Stattdessen wurde er verliehen.

Der KRC Genk, belgischer Spitzenklub, war die erste Station. Rund lief es dort aber nicht. Meist eingewechselt, kam Ünal in der ersten Saisonhälfte auf zwölf Einsätze (ein Tor). Seine Entwicklung schien zu stagnieren. Statt der großen, weiten Welt bei City dümpelte Ünal in der Provinz herum, zwischen Ende November 2015 und Ende Januar 2016 kam er noch auf gerade einmal neun Einsatz-Minuten.

Ünal fühlte sich nicht wohl, hatte große Probleme, sich einzufinden. "Eigentlich war geplant, dass ich zwei Jahre an Genk verliehen werde", erinnert er sich. "Aber ich bekam einfach keine echte Chance, es lief nicht gut zwischen mir und Trainer Peter Maes. Schnell hing ich fast jeden Tag am Telefon und fragte City, wann sie mich zurückholen würden."

Die Citizens entschieden sich daher dazu, ihn weiter zu verleihen. In die zweite niederländische Liga, zu NAC Breda. Ein erster Knick in der noch jungen Karriere des Mega-Talents. Im Nachhinein war der vermeintliche Rückschritt aber Gold wert. Denn in Breda blühte Ünal wieder auf, tankte neues Selbstvertrauen, war gesetzt. In elf Liga-Spielen für NAC netzte er neunmal ein, hievte sich zurück ins Spotlight.

Zurück im Spotlight

Aufgrund des Überangebots in Citys Offensive ging es im Sommer aber nicht zurück nach Manchester. Ünal blieb in den Niederlanden, spielt nun jedoch eine Etage höher. Twente Enschede sicherte sich leihweise seine Dienste. Und das Formhoch des 19-Jährigen hält auch in Hollands erster Liga weiterhin an.

Ein Dreierpack gegen Groningen, Ende August, bei seinem zweiten Einsatz für den neuen Klub, machte den Anfang. Schlenzer in den Winkel, Seitfallzieher, flatternder Distanzschuss ins Netz - drei blitzsaubere Treffer, die Twente zu einem 4:3-Auswärtssieg verhalfen. Schnell machte sich Euphorie breit. Fast so wie damals, als er sein erstes Tor für Bursa erzielte. Enschede-Coach Rene Hake bremste aber umgehend: "Jeder lobt ihn in den Himmel. Aber wir halten ihn mit beiden Beinen auf den Boden."

Es scheint jedenfalls zu funktionieren. Vier weitere Buden in seither fünf Pflichtspielen ließ Ünal folgen, ist Top-Scorer des derzeitigen Tabellen-Siebten der Eredivisie. Twentes Sportdirektor Ted van Leeuwen ist begeistert von seinem Youngster, vergleicht ihn mit Klaas-Jan Huntelaar. "Wie Klaas-Jan ist Enes ein Fußballverrückter, arbeitet sehr hart und wird immer besser. Er ist beidfüßig, kopfballstark und kann auch Freistöße schießen. Technisch ist er sogar deutlich weiter, als es Huntelaar in diesem Alter war."

Großes Lob für Ünal, der seinen Lauf natürlich nur allzu gerne fortsetzen würde. Bis Saisonende ist er an Twente ausgeliehen. Ob er dann, gereift, bereits ein echtes Thema für den Kader der Citizens sein kann? Äußerst fraglich. Die Erfüllung eines Traumes wäre es jedenfalls. "Ich kann es gar nicht fassen, alle in meiner Familie, inklusive meiner Mutter, sind City-Fans", soll er 2012 gesagt haben, nachdem die Skyblues in letzter Sekunde Englischer Meister wurden. Nicht auszudenken, wie er reagiert, wenn er die Himmelblauen aus Manchester selbst irgendwann zum Titel schießt ...
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